Dass saarländische Schulen und Kultureinrichtungen internationale Kontakte pflegen, ist keine außergewöhnliche Nachricht. Wenn aber zwischen dem kleinsten Flächenland Deutschlands und der andalusischen Metropole Granada seit zehn Jahren lebhafte Beziehungen auf dem Gebiet der Lehrerfortbildung, der Schulpartnerschaften und der europäischen Projektarbeit unterhalten werden, dann lohnt sich näheres Hinsehen.
Ermöglicht wurde die nachhaltige und lebendige Partnerschaft durch die finanzielle Unterstützung seitens des europäischen Bildungsprogramms SOKRATES/COMENIUS, das bereits im Jahre 1995 ein LINGUA-Projekt zur Lehrerfortbildung für Spanisch als Fremdsprache finanzierte, an dem u.a. das saarländische Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) aktiv mitwirkte. In Kooperation mit Universitäten in Schweden, Dänemark, Großbritannien, Holland und Spanien wurde eine innovative Seminarkonzeption entwickelt, die u.a. die Herstellung eigener Materialien für den kommunikativen Fremdsprachenunterricht im Land der Zielsprache beinhaltete. Inzwischen haben gemeinsam mit zahlreichen Kolleg/innen aus vielen EU-Ländern eine ganze Reihe saarländischer Fremdsprachenlehrer/innen an den Fortbildungen in Granada (Andalusien) und San Sebastián (Baskenland) teilgenommen.
Aus dem LINGUA-Projekt entwickelte sich 1998 eine bis heute andauernde Partnerschaft zwischen dem Instituto Padre Manjón de Granada und verschiedenen saarländischen Gymnasien. Seit 2002 ist diese Beziehung schwerpunktmäßig an das Saarbrücker Ludwigsgymnasium angebunden, das inzwischen mit den Spaniern und weiteren europäischen Partnern in verschiedenen Aufgabenfeldern zusammenarbeitet. Das aktuelle Projekt, das noch bis 2009 laufen wird, trägt den Titel „Die Integration von Schüler/innen mit Migrationshintergrund in Spanien und Deutschland“.
Vom 7. bis 17. September hielt sich eine Gruppe von 25 Schüler/innen und Lehrern aus Granada im Saarland auf, um die 2007 begonnene Projektarbeit mit dem Ludwigsgymnasium vor Ort weiter zu führen. Gemeinsam mit den Saarbrücker Partnern wurden u.a. Porträts von Schüler/innen erarbeitet, die aus unterschiedlichen Ländern ins Saarland kamen und mit der Problematik Migration/Integration unmittelbar konfrontiert waren und sind. Den fachlich-theoretischen Hintergrund beleuchtete u.a. eine Expertenrunde, die über Erfahrungen und Perspektiven zum gewählten Arbeitsthema berichtete und diskutierte. Das Podium bildeten u.a. Vertreter kirchlicher und staatlicher Migrationsdienste sowie des Regionalverbands Saarbrücken, der als Schulträger und assoziierter Partner in die Projektarbeit eingebunden ist.
Im Rahmen eines offiziellen Empfangs im Festsaal des Saarbrücker Rathauses wurde der spanische Koordinator José Luis ESPERIDÓN LÓPEZ für seine Verdienste um die saarländisch-andalusischen Kulturbeziehungen geehrt.
Im Februar 2009 reist die Saarbrücker Gruppe nach Granada, wo sie dann ihrerseits Porträts von Schüler/innen erarbeiten wird, die aus unterschiedlichen Ländern nach Granada gekommen sind. Im Mai nächsten Jahres wird – ebenfalls in Granada – das Projekt-Dossier abgeschlossen und der Rechenschaftsbericht vorbereitet.
Immer wieder wird zu Recht kritisch hinterfragt, was es mit dem COMENIUS-Programm der EU generell auf sich habe und welchen konkreten Nutzen diese Art der Projektarbeit für die Schule mit sich bringt. Schließlich erfreuen sich die europäischen Einrichtungen nicht unbedingt des Rufes transparenten und sparsamen Handelns. Es ist sicher zutreffend, dass die Zuteilung von Fördermitteln einen außergewöhnlich hohen Verwaltungsaufwand voraussetzt. Dieser umfasst außer der trotz aller Änderungen und Erleichterungen immer noch recht komplizierten Antragstellung u.a. einen Zwischenbericht sowie eine inhaltliche und rechnerische Abschlussdokumentation. Die Kenntnis und Einhaltung zahlreicher Einzelbestimmungen ist eine weitere Voraussetzung, deren Erfüllung viel Zeit und Vorbereitung erfordert.
Dennoch beantragen immer mehr Schulen und andere Institutionen die COMENIUS-Förderung, da sie den großen Nutzen dieses Programms für den europäischen Einigungsprozess erkannt haben. Dank der Fördergelder können Schülerinnen und Schüler aller EU-Mitgliedsstaaten und aus den assoziierten Ländern unabhängig von ihrer finanziellen Situation an Aktivitäten teilnehmen, zu denen sie ansonsten wohl kaum Zugang hätten. So sind seit 1995 ca. 100 junge Andalusier ins Saarland und ca. 200 saarländische Jugendliche nach Granada gereist, um an den unterschiedlichsten Projekten mitzuarbeiten. Dabei ging es zunächst um Fremdsprachenprojekte zu den folgenden Themen:
und aktuell (2007 bis 2009):
Das Ludwigsgymnasium nahm außerdem von 2004 bis 2006 gemeinsam mit der spanischen Partnerschule Padre Manjón de Granada sowie Schulen aus Frankreich, Polen, Rumänien und Italien an einem Schulentwicklungsprojekt teil, das u.a. interessante Einblicke in Schulsysteme ermöglichte, die unter für uns kaum zu verstehenden Rahmenbedingungen entstanden sind. Das gilt insbesondere für die rumänische Schule, die trotz aller Widrigkeiten exzellente Ergebnisse im Bereich des Fremdsprachenunterrichts vorweisen konnte. Aus diesem Projekt sind übrigens die heute noch aktiven Partnerschaften mit Gien/Frankreich und Lubin/Polen hervorgegangen.
Was heute selbstverständlich ist, steckte um 1995 fast noch in den Kinderschuhen: Die umfassende Nutzung der modernen Kommunikationstechnologien (E-Mail, Internet, Videokonferenzen, Text- und Bildverarbeitung, etc.). Gerade auf diesem Gebiet hat die über COMENIUS geförderte Partnerschaft entscheidende Impulse gesetzt. Die kontinuierliche Projektarbeit, die sich ja nicht auf die Austauschaufenthalte beschränkt, setzte den Umgang mit den neuen Medien voraus und förderte dadurch die Kompetenz der Beteiligten. Dass dazu auch die Anschaffung von Computern, Laptops, Beamern, Digitalkameras, etc. finanziell unterstützt wurde, soll hier nicht nur am Rande erwähnt werden.
Handlungsorientierter Spracherwerb, interkulturelle Kompetenz, jahrgangsübergreifendes Lernen, motivierende Projektarbeit in authentischer Umgebung etc. sind derzeit häufig verwendete Schlagwörter, wenn von der Schule der Zukunft die Rede ist. All das ist seit vielen Jahren wesentlicher Bestandteil der verschiedenen COMENIUS-Projekte. Durch den Austausch über soziale und pädagogische Konzepte und Zielvorstellungen wurde Schule weiterentwickelt. Die Partner lernten nicht nur Land und Leute des Anderen kennen, sondern sahen auch eigene Einstellungen, Vorurteile und Wesensmerkmale auf den Prüfstand gestellt. So lernte man schließlich sehr viel über sich selbst und seine eigene „Kultur“. Toleranz bedeutete nicht, sich in allem dem Partner anzupassen und eigene Überzeugungen unverzüglich über Bord zu werfen, sondern Vielfalt und Unterschiede zu akzeptieren und schließlich als kulturellen Reichtum zu verstehen.
Für die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer stellte die Projektarbeit eine hervorragende Möglichkeit zur fremdsprachlichen, pädagogischen und administrativen Fortbildung dar. Inklusive der vom LPM initiierten Fortbildungsreihe für Spanisch als Fremdsprache (s. eigener Bericht), die ebenfalls aus EU-Mitteln gefördert wurde, waren inzwischen etwa 30 saarländische Kolleg/innen alleine aus dem Bereich der Gymnasien an COMENIUS-Projekten beteiligt. Dass dabei der persönliche Horizont erweitert, die Teamfähigkeit gefördert und die Bereitschaft zum Einsatz innovativer Vermittlungsmethoden erhöht wurde, ist sicher weit mehr als ein Nebenprodukt.
Da das Ludwigsgymnasium bereits mehrfach in den Genuss der COMENIUS-Förderung gekommen ist, wird sich für uns die Antragstellung in Zukunft noch weiter verkomplizieren. Denn prinzipiell sollen möglichst viele Schulen aus EU-Mitteln unterstützt werden, was eine Mehrfachförderung eigentlich ausschließt. Gute Projektanträge haben trotzdem immer eine Chance. Die bislang gesammelten Erfahrungen sollten uns ermutigen, weiter „dicke Bretter zu bohren“ und gemeinsam mit internationalen Partnern im Rahmen dieses erfolgreichen Bildungsprogramms der Europäischen Union zusammen zu arbeiten.